Polen

Polen, viel besser als sein Ruf

Nun ist es wieder soweit, am 4.4. bin ich wieder aufgebrochen, um den östlichen Teil Europas und den Nördlichen zu erkunden. es wird wohl diesmal am Stück etwas länger dauern und so will ich mich bemühen mit dem Verlassen eines Landes auch die Berichterstattung darüber abzuschließen. Wer bei Facebook aktiv ist, hat vielleicht schon mal auf der Seite „facebook.com/Weltkulturerbereise“ das Tagebuch gelesen oder das auf der Seite „weltkulturerbereise.de“ mitverfolgt. Hier gibt es ebenfalls das Reisetagebuch, die Länderberichte und eine ausführlichere Beschreibung der einzelnen Welterbestätten. Daneben dokumentiere ich den Weg der Daikotasse für den Verein Hibiki Daiko in Chemnitz und den befreundeten Verein Natsumi Taiko in Bad Liebenwerda auf einer Google Karte.

Zuerst bin ich nun in Polen unterwegs gewesen. 10 Welterbestätten habe ich besuchen können. Die Erbestätten in der Altstadt von Torun und in Malbork, der Ordensburg des Deutschen Ordens habe ich schon früher besucht. Polen besitzt eine Welterbestätte mit Deutschland gemeinsam, den Wörlitzer Park und eine gemeinsame mit der Ukraine, die Holzkirchen (Zerkawas) der Nordkarpaten. Die Welterbestätte des Wörlitzer Parkes werde ich mit dem Länderbericht für Deutschland beschreiben.
Polen hat darüber hinaus eine Weltnaturerbestätte gemeinsam mit Weißrussland, den Urwald von Białowieża. Er ist ein uraltes Waldgebiet an der Grenze zwischen den beiden Ländern Polen und Weißrussland. Der Urwald liegt 70 km nördlich von Brest (Weißrussland) und 62 km südöstlich von Białystok (Polen). Es ist eines der letzten und größten noch verbliebenen Teile des riesigen Urwalds, der einst in der gesamten Europäischen Tiefebene verbreitet war. Das erste aufgezeichnete Gesetz über den Schutz des Waldes geht bis 1538 zurück. Es ging um das Dokument von König Sigismund I. dem Alten, welcher für die Wilderei an Wisenten die Todesstrafe eingeführt hat.

Die Holzkirchen im südlichen Kleinpolen sind eine Gruppe von 6 Kirchen mit römisch Katholischer Ausrichtung, 2013 kamen weitere 8 Kirchen hinzu. Sie zeichnet ein hoher Stand der Zimmermannskunst aus. Zumeist sind die Balken handbehauen, der Eckverbund ist ohne Überstände. Es wurde damit schon den Steinkirchen nachgeahmt, jedoch waren für die dörfliche Lage die Geldmittel sehr begrenzt. Selbst für die Holzkirchen spendeten regionale Adlige aus Prestigegründen. Es gibt zumeist eine fast vollständige Ausmalung der Kirchen,
auch diese auf hohem Niveau zumeist. Die Fenster sind klein, es herrscht meist Halbdunkel darin. Die Ausschmückung ist ebenfalls kostbar, oft sogar erscheinen die Altäre überladen. Erhalten sind sie durchweg sehr gut, auch gekennzeichnet und mit Erklärungen zur Baugeschichte versehen.

In der Altstadt von Zamosc herrscht eine höchstens zweigeschossige Bebauung vor. Die Stadt wurde 1578 durch Jan Sariusz Zamoyski, dem damaligen Großkanzler und Feldherren der polnischen Krone, gegründet. Angelegt hat sie der Paduaer Architekt Bernardo Morando im Stil der Renaissance und führte hier italienische und mitteleuropäische Bautraditionen zusammen. Herausragende Gebäude sind das Rathaus mit seiner großen Freitreppe und 8 eckigem Uhrturm und der Don, Polens schönste Kirche im Stil des Manierismus. Zamosc war auch Festungsstadt, die Anlagen sind heute noch gut erhalten und geben einen Eindruck von der Festungsbaukunst jener Tage. An den Handelsrouten vom Schwarzen Meer nach West- und Nordeuropa gelegen, entwickelte sie sich schnell zu einem bedeutenden Handelszentrum welches viele Menschen anzog. Polen lebten hier, aber auch Griechen, Armenier, Deutsche, Schotten und Ungarn.

Die Altstadt von Warschau ist während des Warschauer Aufstandes 1944 in Schutt und Asche gesunken. 783 historische Gebäude wurden komplett zerstört, nur 141 kamen mit Schäden davon. Bereits am 14. Februar 1945 wurde das Büro für Wiederaufbau gegründet. Die Altstadt sollte wieder aufgebaut werden. 1955 konnte im Wesentlichen der Aufbau abgeschlossen werden. Nur das Schloss konnte so schnell nicht wieder errichtet werden. Der Aufbau begann 1971 und wurde erst 1988 abgeschlossen.

Die Salzbergwerke von Wieliczka und Bochina sind bereits seit 1978 Weltkulturerbestätte. In der Gegend dort wurde bereits vor 3500 Jahren Salz gesiedet. Seit 1280 wird danach gegraben. Die Lagerstätte hat eine Mächtigkeit von 10 km Länge und 1,2 km Breite. das ist die Größte in Europa. Die Schachtanlagen sind seit 1993 nicht mehr in Betrieb. Neben historischen Werkzeugen und andere technischen Einrichtungen sind viele Kammern zu sehen. Diese wurden als Werkstatt, Büro oder Lagerräume benutzt. Einige sind auch zu Kapellen gestaltet worden. Die Größte davon ist die Kunigundenkapelle. Sie ist vielleicht 20 m hoch und bietet ca. 200 Personen Platz. Die Bergwerke haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Bis 1772 waren sie in polnischen Besitz und trugen zu dieser Zeit zu einem Drittel zu den Staatseinnahmen bei. Danach gingen sie in den Besitz der Habsburger Monarchie über um schließlich 1918 wieder zu Polen zu gelangen.

1979 wurde das Konzentrationslager Auschwitz – Birkenau in die Welterbeliste eingetragen.

Die Altstadt von Krakau wurde 1978 in die Welterbeliste aufgenommen. Der Wawel mit dem Königsschloss im Renaissancestil und der Kathedrale, Krönungs- und Grabeskirche fast aller polnischen Könige ist Bestandteil dieser Stätte. Die Altstadt mit den Bürgerhäusern vieler verschiedener Stilrichtungen um den 200 m x 200 m großen Marktplatz ist ein zweiter Bestandteil. Inmitten des Platzes befinden sich die Tuchhallen aus dem 16. Jahrhundert, im Renaissancestil errichtet und der größte Profanbaues Krakaus aus dieser Zeit. Gleichermaßen steht hier der Rathausturm, Überrest des 1832 abgerissenen Rathauses. Am anderen Weichselufer, der Altstadt in südlicher Richtung gegenüber befindet sich das jüdische Viertel als dritter Bestandteil. Synagogen, Mikwe´s und Friedhöfe sind hier zu finden und zeugen vom einst friedlichen Zusammenleben der Religionen. Bis zum WWII bestand hier eine der größten jüdischen Gemeinden Polens.

In Malbork befindet sich die Marienburg des Deutschen Ordens. Im 13. Jahrhundert gegründet, ist sie das größte Verteidigungswerk nur aus Backsteinen in der Welt und wurde deshalb 1997 in die Weltkulturerbeliste eingetragen. Nach der Gründung im 13. Jahrhundert entwickelte sich die Marienburg schnell zum Hauptsitz des Ordens, welcher bereits 1309 von Venedig hierher verlegt wurde. In der Folge schuf der Deutsche Orden von hier aus seinen Ordensstaat welcher bis zum Thorner Frieden 1466 bestand. Die Anlage besteht aus 3 Teilen: das Hochschloss, in welchem die Brüder wohnten, das kirchliche Leben und die Ordensverwaltung stattfand, das Mittelschloss, Sitz des Hochmeisters und der Verwaltung des Ordensstaates und die Vorburg in der das wirtschaftliche Leben des Ordens abgewickelt wurde. Die Burg wurde im 2. Weltkrieg zerstört. Bis auf den Innenausbau der Kirche ist jedoch alles wieder aufgebaut worden. Montags ist die Besichtigungsmöglichkeit beschränkt, nicht alles ist zugänglich, kostet dafür auch weniger. Für einen Überblick reicht das aber voll aus.

In Thorn, polnisch Torun, wurde am 19.Februar 1473 Nikolaus Kopernikus geboren. Er war ein Domherr des Fürstbistums Ermland in Preußen, beschrieb erstmals das heliozentrische Weltbild und steht damit am Anfang der neuzeitlichen Astronomie. Thorn wurde 1231 vom Deutschen Ritterorden gegründet und besitzt einen vollständig erhaltenen mittelalterlichen Stadtkern mit einer reichen gotischen und auch barocken Architektur. Die Marienkirche und der Dom St. Johannis sind die größten Backsteinkirchen Europas. Teile der Stadtbefestigung sind erhalten, außerdem die Ruine der 1454 von den Bürgern zerstörten Ordensburg der Deutschritter. 1997 wurde Torun in die Welterbeliste eingetragen.

Die Jahrhunderthalle in Wroclaw wurde 2006 in die Welterbeliste eingetragen. Sie wurde 1911 – 13 erbaut von dem Architekten Max Berg. Inspiriert von den Ideen der aufkommenden Moderne nahm Berg auch Anleihen aus der Antike und der Gotik. Das 118 n. Chr. errichtete Pantheon in Rom lieferte z.B. die Vorlage für den Kuppelbau, welcher hier stufenförmige Fensterbänder erhielt. Die Kuppel hat einen freien Durchmesser von 65 m. Über einem zylindrischen Teil von 19 m Höhe befindet sich die sog. Rippenkuppel von 23 m Höhe. Das Ausstellungsgelände um die Halle besitzt noch ein Wasserbecken mit einer umlaufenden Pergola, einen 4 Kuppelpavillon und das Kongresscentrum von Wroclaw.

Die Friedenskirchen von Jawor und Swidnica sind nach den Bestimmungen des Westfälischen Friedens von 1642 errichtet worden. Sie sahen den Bau nur mit Holz, Lehm und Stroh vor. Außerdem durften keine Steine und Nägel verwendet werden. Die Errichtung sollte innerhalb eines Jahres erfolgen, ein Glockenturm war ebenfalls nicht erlaubt. Diese wurden ca. 50 Jahre später gebaut. Der Architekt war der aus Breslau stammende Albrecht von Saebisch. Die Jaworer Kirche wurde 1654/55 gebaut und fasst bei einer Grundfläche von 1180 qm 5.500 Menschen. Die Kirche von Swidnica fasst 7.500 Menschen bei einer Grundfläche von 1090 qm. Davon konnten 3.000 sitzen, der Rest musste stehen. Die Kirchen sind die größten Fachwerkkirchen Europas. Von den ursprünglich 3 Kirchen ist die in Glogau 100 Jahre nach ihrer Errichtung abgebrannt.

Der Wallfahrtsort von Kalwaria Zebrzydowski liegt in einem Gebiet wenige km südlich von Krakau. 1600 legte der damalige Woiwode Mikolaj Zebrzydowski hier eine kleine Heiligenkreuzkapelle an. Er ließ sie nach dem Vorbild der Heiligenkreuzkapelle in Jerusalem bauen. Eine Beschreibung Jerusalems zu Zeiten Jesus Christus inspirierte ihn zu der Annahme, Ähnlichkeiten mit der Landschaft in Jerusalem um die Kapelle zu entdecken. Es entstand zunächst eine Christi Grab Kapelle und die Erzengel Mutter Gottes Kirche. Diese Kirche und das daneben errichtete Kloster wurden 1602 dem Franziskanerorden gestiftet. In den nächsten Jahren entstand auf einem ca. 7km langen Rundweg in die eine Richtung der Kreuzweg Jesu und in die andere Richtung der Leidensweg der Mutter Gottes. 40 Kapellen an dem Weg entstanden mit der Zeit, einige im Barock-, die meisten aber im manieristischen Stil. Die Passionsspiele in der Karwoche sind die am meisten Kalwaria Zeb. – Kreuzigungskirche besuchten in Polen. Über 100.000 Besucher strömen dann hier zusammen. Der polnische Papst war diesem Ort sehr verbunden und hat ihn immer wieder, auch privat, besucht.

Die Holzkirchen der Nordkarpaten, eine Stätte von 16 Holzkirchen, 8 in Polen, 8 in der Ukraine, spiegeln die Kirchenbautraditionen der östlichen orthodoxen Kirche wider. Kuppeln, ein Kuppelturm und der Kirchturm schaffen einen dreigeteilten Baukörper, der auf quadratischem oder achteckigem Grundriss ruht. Glatt verzimmerte Gebäudeecken solle Nähe zu Steinbauten erzeugen. 2 der von mir besuchten Kirchen beruhen auf den Bautraditionen der Lemken, ein hier ehemals ansässigem Volk, welches von Stalin nach dem WW II
zwangsumgesiedelt wurde. Alle diese Kirchen sind gut erhalten, z.T. auch ausgeschildert, liegen aber alle in kleinen Dörfern.

Durch den letzten Beitrag inspiriert, möchte ich hier auch mal was zur Navigation sagen:
Im vergangenen Jahr war es kein Problem für mich, einfach in den nächsten Ort zu fahren, an dem sich eine Welterbestätte befand. Ich konnte mich darauf verlassen, dass in Ortsnähe eine Ausschilderung zu finden war. In allen, von mir besuchten, Ländern war das der Fall. Hier, besonders die Kirchen auf den Dörfern, war das nicht immer so. Rein fürsorglich hatte ich mir auf Rat eines Freundes ein Smartphone zugelegt, welches die Software HERE installiert hat, die auch Offline funktioniert, wenn man vorher die entsprechenden Länderkarten installiert hat. Eine prima Sache, ich nutze sie für den Nahbereich und bei Stadtdurchfahrten.
Welchen Eindruck hat Polen noch auf mich gemacht? Ein Land mit einer hervorragenden Straßeninfrastruktur. Die meisten Straßen toll in Ordnung, das Stück A14 am Anfang meiner Reise war die absolute Ausnahme. Privater Hausbau ist hier viel mehr sichtbar, als ich es von Deutschland gewöhnt bin. Die Leute investieren privat, auch Mütter mit Kindern hab ich mehr gesehen als in Deutschland. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass das Land in weiten Teilen sehr zersiedelt ist. Auf den Landstraßen geht eine Ortschaft in die andere über. Man verliert gelegentlich den Überblick, welche Geschwindigkeit denn nun erlaubt ist.
Insgesamt ein Land mit freundlichen Menschen, immer hilfsbereit, gelegentlich ein bisschen verschlossen auf der Straße, eine grandiose Kultur und beeindruckende Landschaften.

23.April 2016

Polen

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